Haiku #5

Glitzernd auf dem Teich

spielt Mondlicht, und der Wind fährt

schweigend durchs Gesträuch.

Haiku #4

Kleines Blatt am Baum.

Leuchtest noch. Wann fällst du wohl,

freudig erzitternd?

klares licht

klares licht
in der herbstlichen luft.
gras und bäume leuchten still.
du könntest sie
in vier lichtjahren entfernung
sehen.

klares licht
durchstrahlt das sein.

jede verwirrung
ist nur streuung.

verfolgst du das licht,
gelangst du zur klarheit.

Homo. Sapiens?

Gegen die kollektive Selbstverurteilung des Menschen

Kennen Sie den? Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine: „Oh! Du siehst schlecht aus! Was ist los mit dir?“ Sagt der andere: „Ja, mir geht’s wirklich nicht gut. Ich habe Homo sapiens!“ Sagt der erste: „Mmmh, kenn ich. Ist schlimm. Aber geht bald vorüber.“

Haha. Ha. Der Witz ist schon älter. Und ziemlich bekannt. Aber was sagt er eigentlich aus über das Verhältnis, das wir zu unserer eigenen Spezies haben?

Vor allem in ökologisch bewussten und gesellschaftskritischen Kreisen stellt sich häufig eine negative Sicht auf das Wesen Mensch ein. Wir sind zu dumm, um unsere destruktiven Verhaltensmuster zu ändern. Wir sind zu gierig, zu egoistisch. Wir zerstören die Erde, unsere Heimat, wir vernichten die Natur in großem Maß, verursachen ein gigantisches Artensterben. Wir machen uns mit all dem dermaßen schuldig, dass es wohl besser wäre, es gäbe uns nicht mehr! Das gipfelt in dem Rat, das Beste fürs Klima wäre, keine Kinder zu bekommen.

Dass sich die Klimakrise und andere ökologische Krisen mit zunehmend brutaler Deutlichkeit abzeichnen und damit endlich im Bewusstsein der meisten Menschen ankommen, ist natürlich ein wichtiger und notwendiger Schritt, scheint aber die negative Sicht auf uns als Spezies noch zu verstärken. Meine Frage ist: Dient die damit verbundene Entwertung und moralische Verurteilung des Menschen der Bewältigung dieser Probleme? Oder erschwert diese Selbstverurteilung vielleicht sogar eher die notwendigen Veränderungen?

Die Spezies Mensch kann gesehen werden als ein in Entwicklung befindliches Wesen. Hier ist nicht nur die Entwicklung auf genetischer Ebene im Sinne der biologischen Evolution gemeint, sondern vor allem die Entwicklungen auf kulturellen, sozialen, politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und psychologischen Ebenen.  Insgesamt hat sich die Geschwindigkeit dieser Entwicklungen in den letzten zweihundert Jahren auf allen Ebenen massiv erhöht, sie ist vermutlich so hoch wie noch nie in der Geschichte der menschlichen Art.

Die Entwicklungen auf diesen verschiedenen Ebenen verlaufen jedoch nicht komplett synchron. So können wissenschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen relativ weit fortgeschritten sein, dem gegenüber hinken psychologische, kulturelle, soziale und politische Entwicklungen hinterher. Das führt dazu, dass die Menschheit in vielerlei Hinsicht „unreif“ erscheint und oft nicht in der Lage ist, mit ihren wachsenden Fähigkeiten verantwortlich umzugehen.

Ist es sinnvoll, das der menschlichen Spezies vorzuwerfen und daraus eine moralische Verurteilung abzuleiten?

Vielleicht hilft uns da ein Blick auf individuelle Entwicklungsprozesse weiter. Auch in der persönlichen Lebensgeschichte gibt es Zeiten, die mit starken Veränderungen und einer hohen Entwicklungsgeschwindigkeit einhergehen. Die Pubertät und das junge Erwachsenenalter wären Beispiele, aber auch andere einschneidende Lebensereignisse wie Scheidung oder Auszug der Kinder zählen dazu. In diesen Zeiten kommt es oft zu erheblichen Turbulenzen sowohl im inneren Erleben wie im äußeren Verhalten. Auch hier verändern sich verschiedene Bereiche mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, und oft muss um einen Ausgleich dieser Bereiche gerungen werden. Solche Schwellensituationen gehen zwangsläufig mit stärkeren Schwierigkeiten und Risiken einher, die nicht vollständig vermieden werden können.

Aus der Psychologie wissen wir, dass es der Bewältigung dieser Probleme dienlich ist, die noch fehlenden und zu entwickelnden Fähigkeiten klar zu benennen und davor die Augen nicht zu verschließen. Nicht hilfreich ist es jedoch, wenn  die betroffene Person für ihre Schwierigkeiten verurteilt wird oder sich selbst dafür verurteilt. Eine solche Verurteilung kann die kreativen und konstruktiven Kräfte blockieren, die in solchen Schwellensituationen dringend gebraucht werden! In einer Psychotherapie muss oft zunächst daran gearbeitet werden, auf sich selbst gerichtete Verurteilungen abzuschwächen und ein gewisses Maß an Selbstakzeptanz zu etablieren. Erst dann kann den eigenen Entwicklungsaufgaben konstruktiv begegnet werden.

Wenn wir dies übertragen können auf unsere Entwicklungskrise als Spezies, dann sollten wir endlich aufhören, uns zu verurteilen für die Schwierigkeiten, die wir haben, und die wir uns und dem Gesamtsystem Erde bereiten! Wir sollten unsere Spezies sehen mit besonderen und wachsenden Fähigkeiten, die jedoch in verschiedenen Bereichen sehr unterschiedlich ausgeprägt sind, und deren kontrollierter und abgewogener Einsatz uns daher teilweise noch sehr schwer fällt. Die dadurch entstehenden Zerstörungen und Risiken sollten wir sehen und darauf reagieren. Aber ohne unsere Zuversicht zu verlieren.

Die Selbstverurteilung unserer Spezies basiert nämlich auf der gleichen Annahme, die auch unsere zerstörerischen Neigungen verstärkt: der Trennung zwischen der Natur und uns Menschen. Auf dieser Trennung basiert die Haltung, der Mensch könne die Natur rücksichtslos ausbeuten und sie sich „untertan“ machen. Und die gleiche Trennung liegt auch der Selbstverurteilung des Menschen zugrunde: Die Natur ist gut und wertvoll – nur wir Menschen sind böse und zerstörerisch. Wir vergessen dabei nur zu leicht, dass wir Menschen natürlich genauso ein Teil der Natur sind wie einzellige Algen, Walrosse und Blattschneiderameisen. Genauso wie diese sind wir ein Wunderwerk der Evolution. Wenn wir zum Beispiel durch unsere Landwirtschaft vermehrt Stickstoff in die Flüsse einleiten, es dadurch in dem entsprechenden Meeresgebiet zu einer „Algenblüte“, einer massiven Vermehrung einzelliger Algen kommt, und dadurch eine sauerstoffarme „Todeszone“ im Meer entsteht: sind dann die Algen böse? Oder wir Menschen? Natürlich sind wir im Gegensatz zu den Algen unserer selbst bewusst und können unser Handeln reflektieren. Aber diese Fähigkeiten besitzen wir evolutionär gesehen erst seit sehr kurzer Zeit. Sie individuell und kollektiv verantwortlich zu handhaben ist außerordentlich anspruchsvoll. Leider anspruchsvoller als die Fähigkeit, Stickstoff-Dünger zu produzieren.

Also noch einmal: wir sind ein Teil der Natur und wurden von der gleichen Evolution hervor gebracht, die auch das gesamte Spektrum der irdischen Biosphäre entstehen ließ. Wenn wir den Reichtum dieser Biosphäre wertschätzen wollen, sollten wir diese Wertschätzung auch uns zuteil werden lassen. Natürlich ohne die Augen vor unserer Verantwortung und den Folgen unseres Handelns zu verschließen.

Noch ein weiterer Grund spricht gegen unsere Selbstverurteilung: sie zerstört die Hoffnung, und damit eine Energiequelle, die wir zum Umsteuern brauchen. Und im Schatten der Hoffnungslosigkeit gedeiht die Bequemlichkeit: „Wenn der Mensch böse ist und sowieso alles den Bach runter geht, warum sollte ich mich anstrengen?“

Albert Einstein wurde (vermutlich fälschlich) die Aussage zugeschrieben, zwei Dinge seien unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber beim Universum sei er sich noch nicht ganz sicher. Das Potential zu „dummem“ und zerstörerischem Verhalten ist beim Menschen sicher enorm. Aber genauso groß ist das Potential zu erstaunlicher Kreativität und selbstlosem Engagement. Bemerkenswert kreative kollektive Rückkopplungsprozesse machen zurzeit aus den anfangs eher eigenbrötlerischen Ideen einer schwedischen Schülerin eine enorm kraftvolle, konstruktive und Hoffnung stiftende weltweite Bewegung. Wer hätte so etwas vor ein paar Jahren vermutet? Andere kollektive Verstärkungsprozesse führten allerdings auch schon zu destruktivem Massenwahn mit der Verfolgung und Vernichtung anders Denkender. Glanz und Elend der kollektiven Dynamik, sie liegen nahe beieinander.

Mein Plädoyer für eine akzeptierende Haltung gegenüber unserem menschlichen Entwicklungsstand bedeutet nicht, sich vor dem von uns verursachten Leid zu verschließen oder eine Haltung von „wir sind immer nett zueinander“ einzunehmen.  Im Gegenteil: eine mitfühlende Offenheit gegenüber dem Leid von Menschen und allen anderen fühlenden Wesen ist absolut notwendig. Ebenso wie eine Haltung die in der Umweltzerstörung den enormen Verlust an Schönheit und Reichtum spürt und sich davon berühren lässt. Angst, Trauer, Schmerz und gerade auch Wut sind wichtige Triebfedern für ein Engagement, genauso wie die Freude an der Natur, die wir noch erleben können, und die es für unsere Nachkommen zu bewahren gilt. Es ist sinnvoll und angemessen, wenn die junge Generation wütend ist! Zu der „Fridays-for-future“-Bewegung gehört der Zorn auf die ältere Generation, die der Jugend die Zukunft verbaut! Aber Trauer, Schmerz und Wut dürfen nicht in Verbitterung und Selbstverurteilung verhärten. Sonst wird die Triebfeder zur Bremse und zum Hindernis. Das ist wie in einer Familie: es ist gut und wichtig, zu streiten, wütend und traurig sein zu können, aber nicht in Hass oder Selbsthass zu verhärten.

„Homo sapiens“ nannten Biologen die menschliche Spezies: der weise, verständige Mensch, in Abgrenzung zu anderen Arten der Gattung Homo, die weniger individuelle und kollektive geistige Fähigkeiten hatten. Nun, wenn wir uns unsere kollektive Realität anschauen, können wir die Attribute „weise“ und „verständig“ für unsere Spezies sicher nicht beanspruchen. Dafür sind wir zu zerstörerisch, oft wider besseres Wissen. Aber wir könnten uns als Menschheit so verorten: wir sind auf dem Weg dahin –  in Entwicklung zu einer weiseren, verständigeren Haltung.

In dieser Zeit muss Homo sapiens sehr viel lernen. Und zwar sehr schnell. Ob es schnell genug gelingt, wissen wir nicht. Wir können nicht sicher sein, ob es reicht, was wir tun, individuell und kollektiv. Wir können aber den Tatsachen ins Auge sehen und daraus unsere Folgerungen ziehen. Und das ist jedenfalls schon mehr als das, was wir in der Vergangenheit getan haben.

Manchmal denke ich, es ist ein wenig wie Eltern sein. Eine Aufgabe, der man nie ganz gerecht werden kann. Und zu spüren, wo man seinen Kindern nicht gerecht wird, kann einem das Herz zerreißen. Das ist richtig so: der Schmerz  hält mich wach und hilft mir dabei, wirklich mein Bestes zu geben. Und es ist hilfreich, wenn ich mich dafür wertschätze: dass ich als Vater mein Bestes gebe. Und wenn ich es jeden Tag noch ein wenig besser versuche.

Vielleicht sollten wir einfach mal davon ausgehen, dass wir auch als Spezies Mensch in dieser Krisenzeit unser Bestes geben? Und es dann täglich noch ein wenig besser versuchen?

Abend

Am Ende dieses langen Sommerabends
wandern die Farben
vom Himmel auf die Erde.
Auf der Wiese leuchten sie,
bevor sie nach und nach erlöschen.
Unter den Bäumen
nistet schon die Dämmerung.
Die Sichel des neuen Mondes
steht still am hellen Himmel
und wartet auf ihre Stunde.

Panta rhei

Alles fließt, alles 
wandelt sich.
Nichts bleibt bestehen.
Nichts ist jemals vergangen, nichts
ist zerstörbar.
Was geschieht geht nicht verloren.

Anmerkungen zu „Panta rhei“

Der erste Teil des Gedichts entspricht dem klassischen, Heraklit (ca. 500 v.Chr.) zugeschriebenen Aphorismus, auf den sich auch der Titel bezieht. Im Spannungsfeld von „alles…“ und „nichts…“ vollzieht sich der immerwährende Wandel. In der Wiederholung von „alles“ in der ersten Zeile wird eine Spiralbewegung angedeutet. Gewählt ist die Form der 5-3-5-Silbigkeit, mit ungeraden (Prim-)Zahlen: passend zum Fließen, das letztlich nie vollständig begriffen werden kann.

Im zweiten Teil wird die andere Seite des Wandlungsthemas zum Ausdruck gebracht. In jeder gewandelten Erscheinung sind die vorherigen Erscheinungsformen enthalten, als Spuren des Werdens. Im Netzwerk der kausalen Verknüpfungen pflanzt sich jedes Ereignis weiter fort und bleibt so erhalten. In der 8-4-8-Silbigkeit betonen die geraden Zahlen (Zweierpotenzen) das Erhaltene.

In der Entwicklung der Naturwissenschaften finden wir diese beiden Seiten der Wandlungsthematik immer vielfältiger und eindrücklicher konzeptualisiert. Einige Beispiele:

Das Thema der immerwährenden Veränderung zeigte sich schon zu Beginn der Neuzeit, als das geozentrische Weltbild aufgegeben werden musste und deutlich wurde, dass die Erde kein zentral ruhender, unveränderlicher Körper ist, sondern selber Bewegungen und Veränderungen unterworfen ist. In der weiteren Entwicklung der Astronomie und Kosmologie erkannte man, dass auch unsere Sonne nicht den Mittelpunkt des Universums darstellt, sondern sich auf einer Bahn durch die Galaxie bewegt, dass Sonnen (und damit ihre Planeten) einen Lebenszyklus haben, dass sie entstehen und vergehen. Es zeigte sich die gigantische Größe des Universums, in der unsere Sonne mit ihren Planeten nur ein Stern von vielen Milliarden in unserer Galaxie ist, die wiederum nur eine von vielen Milliarden Galaxien ist. Und dieses riesige Universum macht ebenfalls eine Entwicklung durch, ist ein Werdendes, in dem die Existenz von Sternen mit Planeten nur ein Stadium von Vielen ist.

In der Geologie und Geophysik wurde deutlich, dass unser Lebensraum, die Oberfläche der Erde, ausgeprägten und immerwährenden Veränderungen unterworfen ist, von tektonischen und vulkanischen bis zu klimatischen Vorgängen, Auffaltungen von Gebirgen und Landschaftsformung durch Wasser und Wind. (siehe das obige Bild: Wolken ziehen, der Gletscher fließt, und auch die Berge sind nur scheinbar beständig. Wandel in drei verschiedenen Zeitskalen: Minuten, Jahrzehnte, Jahrmillionen.) In den Bergen eine versteinerte Muschel zu finden und zu erkennen: „Hier war früher einmal ein Meer!“ – das macht den geologischen Wandel direkt erfahrbar.

Im biologischen Bereich zeigt die Evolution, die Entwicklung und der Wandel der Arten, dass auch hier Veränderung vorherrscht. Biologische Arten entstehen, verändern sich und verschwinden wieder. Es gab eine lange Evolution, bevor die Spezies Mensch auftauchte, und es wird vermutlich auch nach ihr noch eine lange Evolution geben. Die Lebewesen wandeln sich selber evolutionär, und sie wandeln auch das geologische und klimatische Antlitz der Erde. Das fing schon beim Sauerstoffgehalt der Atmosphäre an, der durch die Photosynthese einzelliger Blaualgen anstieg, über die riesigen Wälder des Karbon, die zu Kohle und Erdöl wurden, bis hin zu heutigen menschengemachten Veränderungen. Letzere sind für den Planeten an sich nichts ungewöhnliches, laufen allerdings heute in einem dermaßen schnellen Tempo ab, dass sich die Frage stellt, ob die Spezies Mensch mit ihrer Zivilisation sich in diesen Veränderungen weiter mitwandeln kann oder ob sie verschwindet.

Nicht zuletzt zeigt sich in der Psychologie und Neurobiologie der letzten Jahrzehnte, dass unser „Ich“ keine feststehende Einheit ist, sondern ständigen Veränderungen und Entwicklungen unterliegt. Jede Erfahrung verändert mich. Auch unsere Erinnerungen und damit unsere erlebte Lebensgeschichte werden ständig abgewandelt, neu sortiert, neu interpretiert und bewertet. „Ich steige niemals zweimal in den gleichen Fluss.“ Das gilt auch für den Fluss, der ich selber bin.

*

Nichts geht verloren: Diese zweite Seite des Wandlungsthemas ist tief im Kausalitätsprinzip enthalten, das so grundlegend für unser Denken und für die gesamten Naturwissenschaften ist. Schon Babys lernen Kausalität: wenn ich die Rassel loslasse, fällt sie herunter! Und Mama hebt sie meistens auf! (Eltern kennen diese „Herunterwerf-Spiele“…) Kausalität ist ein sehr wesentliches Ordnungsprinzip für die oft chaotisch erscheinende Welt. Jedes Ereignis hat seine Ursachen und seine Wirkungen (auch wenn in der Quantenphysik die Wirkung nicht vollständig durch die Ursache determiniert ist). In der Naturwissenschaft ermöglicht uns das Kausalitätsprinzip, Ereignisse vorherzusagen und ziemlich genau zu berechnen – das macht ihren großen Erfolg aus. Babys tun das auf ihre Art auch schon, nicht bei Brücken, Flugzeugen und Kraftwerken, aber zum Beispiel für den eigenen Körper, die Schwerkraft und soziale Interaktionen.

Im Rahmen des Kausalitätsprinzips bleibt jedes Ereignis durch seine Wirkungen im Strom der Zeit erhalten. Wir sind eingebettet in ein Netz von Zusammenhängen, in denen sich jedes Ereignis kausal weiter fortsetzt. Jeder Prozess stößt neue Prozesse an, und es ist eine willkürliche Grenzziehung, wenn ich sage, dass da der eine Prozess aufhört und ein anderer anfängt. Gegenstände können aufhören, da zu sein – Prozesse wandeln sich, gehen aber immer weiter.

So bin ich ein Bündel von Prozessen (biologische Lebensäußerungen, Gefühle, Gedanken, Handlungen, etc.), das durch seine Wirkungen weit über sich selbst hinausreicht – zu den Menschen, die mich kennen und mit denen ich in Beziehung stehe, zu dem Garten, den ich pflege, zu den Mikroben, die in und an mir leben, zu dem CO2, das ich, meine Heizung und mein Auto ausstoßen, und damit zum gesamten Planeten… Wo hört „ich“ auf und fängt „das andere“ an?

Der Physiker Carlo Rovelli schreibt: „Wir gliedern (…) die gesamte Realität um uns herum in Gegenstände. Aber die Realität besteht nicht aus Gegenständen. Sie ist ein kontinuierlicher und sich ständig verändernder Strom. Dieser Veränderlichkeit setzen wir Grenzen, die es uns ermöglichen, über die Realität zu reden. Man denke an eine Welle im Meer. Wo endet eine Welle? Wo beginnt sie? Wer kann dies schon sagen? Und doch sind Wellen real.“ (C. Rovelli: Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint. Rowohlt, 2016, S. 283)

Ebenso zeigt sich das Thema der Erhaltung in den physikalischen Erhaltungssätzen. Der bedeutendste ist wohl der Energieerhaltungssatz, der durch die Relativitätstheorie erweitert wurde zum Erhaltungssatz von Masse/Energie. Weitere wichtige Erhaltungssätze betreffen die Impulserhaltung und elektrische Ladungserhaltung. Dass die Welt sich nicht komplett chaotisch verhält, dass es überhaupt eine Vorhersagbarkeit gibt in der Welt, dass damit die Entwicklung von Intelligenz evolutionär einen Sinn macht, weil die Fähigkeit zur Vorhersage das Überleben fördert – das liegt daran, dass Prozesse nach Gesetzmäßigkeiten ablaufen, bei denen die Erhaltung bestimmter Größen (Masse/Energie, Impuls, Ladung, etc.) eine zentrale Rolle spielt.

In der Quantenphysik gibt es die Vermutung, dass auch Information erhalten bleibt und nicht vernichtet werden kann. Manche bedeutenden Physiker sehen Information als den „Urstoff des Universums“ (Anton Zeilinger). Unter diesem Blickwinkel kann ein Prozess gesehen werden als Verarbeitung von Information. So wie jeder Prozess sich im Netz aus Kausalitäten fortsetzt, bleibt die im Prozess verarbeitete Information erhalten.

In der theoretischen Physik gibt es mathematisch ausgearbeitete Konzepte, in denen die Größe „Zeit“ keine grundlegende Rolle mehr spielt. In der Relativitätstheorie hat die Zeit keine eigenständige Existenz, sondern ist nur noch eine Dimension der vierdimensionalöen Raumzeit. Diese Raumzeit ist „die Gesamtheit aller Zeiten und Orte“ (C. Rovelli). In manchen Ansätzen, Quantenphysik und Relativitätstheorie in einer Quantengravitation zu vereinigen, kommt in den mathematischen Gleichungen die Zeit nicht mehr vor (siehe die Wheeler-deWitt-Gleichung). Raum und Zeit haben keine eigenständige Existenz, sondern das Gravitationsfeld ist die Raumzeit. Dieses Feld und damit die Raumzeit kann mathematisch beschrieben werden durch einen „Spin-Schaum“, ein sich ständig veränderndes mehrdimensionales Netzwerk. Zeit ist darin nur eine Relation, in der verschiedene Prozesse zueinander stehen. Hier deutet sich eine unserem Erleben nur schwer zugängliche Ebene der Realität an. Eine Realität, die zeitlos ist, in der alles im Wandel, aber nichts vergangen ist. Auf dieser Ebene gibt es nur noch sich ständig verändernde, wogende Felder von Beziehungen, die alle Zeiten und alle Orte umfassen.